Prof. Dr. phil. Markus Andrä und Prof. Dr. Katrin Pittius von der Fachhochschule Dresden haben eine neue wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht, die sich mit dem Thema Schulabsentismus aus einer biografischen Sichtweise befasst. In ihrer Untersuchung hinterfragen sie, warum für manche Schüler der Schulabbruch als sinnvolle Entscheidung erscheint und wie solche biografischen Entwicklungen interpretiert werden können.
Lebensgeschichten von Schulabbrechern und ihre Bildungswege
Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Lebensgeschichten von Simon und Tilo, zwei ehemaligen Schulabbrechern, die in verschiedenen Forschungsprojekten von Andrä und Pittius interviewt wurden. Die Studie entwickelt eine Perspektive, die jenseits der traditionellen Bildungslogik, die auf Abschluss und Leistung fokussiert ist, Quellen von Bildungsmotivation aufzeigt. Simon und Tilo erzählen, wie ihre Erfahrungen in und außerhalb der Schule sie letztlich zu einem positiven Bildungsweg führten.
Simon, ein junger Mann in seinen Zwanzigern, berichtet, dass sein Rückzug aus der Schule vor dem möglichen Abschluss in der Rückschau für ihn nahezu unvermeidlich schien. Erst als er später in einer Straßenschule ein freiwilliges Bildungsangebot annahm, entdeckte er Interesse und Motivation für Lernen. Tilo, der inzwischen Mathematik studiert, reflektiert seinen Schulabbruch als Folge von Ängsten und Frustrationen. Doch auch er fand nach vielen Jahren zurück zur Schule und schloss schließlich sein Abitur ab.
Ein zentraler Aspekt der Studie ist die metaphorische Darstellung von Bildung als eine „Reise“. Simon und Tilo beschreiben ihren Bildungsweg als eine individuelle Entfaltung, die nicht immer den konventionellen Bildungsnormen entspricht. Ihre Erfahrungen in alternativen Bildungsformaten, wie der Straßenschule und der Abendschule, führten zu einem fundamentalen Wandel in ihrer Einstellung zur Bildung.
Neue Perspektiven und individuelle Bildungsmöglichkeit
Die Arbeit von Andrä und Pittius eröffnet eine neue Perspektive auf Schulabsentismus und zeigt, dass der Rückzug aus der Schule nicht immer ein Scheitern darstellt, sondern auch eine Möglichkeit der Selbstbestimmung und der Auseinandersetzung mit einem als entfremdend empfundenen System sein kann. Die Studie regt dazu an, die normative Sicht auf Schulabbruch zu hinterfragen und individuellere Wege der Bildungsmotivation zu berücksichtigen.
Die Ergebnisse der Studie sind eine wertvolle Ergänzung zur Bildungsforschung und tragen dazu bei, Schulabsentismus nicht nur als Problem, sondern auch als Möglichkeit für persönliche Entwicklung und Neuanfang zu verstehen.
Mehr dazu in der vollständigen Veröffentlichung: Schulabsentismus aus biografischer Perspektive
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