
Professur Medieninformatik mit Schwerpunkt interaktive Programmierung/ Game Entwicklung
Prof. Dr.-Ing. Marius Brade
Kontakt
Campus Straßburger Platz | Raum 503
Tel +49 351 44 45-409
m.brade@fh-dresden.eu

Das Szenario: Ein Entwicklerteam soll die Benutzerverwaltung einer Software erweitern. Ein KI-Assistent erzeugt innerhalb weniger Minuten den nötigen Code, ergänzt Tests und schlägt Änderungen an der Datenbank vor. Was früher mehrere Arbeitstage beansprucht hätte, scheint nach einem Vormittag erledigt.
Doch dann beginnt die eigentliche Arbeit: Passt die vorgeschlagene Lösung zur bestehenden Architektur? Decken die automatisch erzeugten Tests auch Rechtekonflikte und ungewöhnliche Nutzungsszenarien ab? Werden personenbezogene Daten korrekt verarbeitet? Entsteht eine kurzfristig funktionierende Lösung, die später hohe Wartungskosten verursacht? Und löst die neue Funktion tatsächlich das Problem der Anwenderinnen und Anwender?
Genau darin liegt das Automatisierungs-Paradox: Die KI nimmt dem Team einen großen Teil der Code-Erstellung ab, entlastet es aber nicht automatisch. Stattdessen wächst die Menge der Ergebnisse, die geprüft und verantwortet werden müssen. Die Arbeit verschiebt sich vom Produzieren zum Beurteilen. Je leistungsfähiger die Automatisierung wird, desto wichtiger werden menschliche Fähigkeiten – Future Skills –, die sich nicht einfach automatisieren lassen.
Systemisches und unternehmerisches Denken: Systemisches Denken richtet den Blick über das einzelne Ticket hinaus. Entwicklerinnen und Entwickler müssen erkennen, wie eine Änderung mit Rollenmodellen, Datenschutz, Supportprozessen, Geschäftslogik und anderen Komponenten zusammenwirkt.
Architektonische Urteilskraft: KI kann Code erzeugen, kennt aber nicht automatisch alle gewachsenen Entscheidungen eines Softwaresystems. Entwicklerteams müssen einschätzen können, ob eine Lösung sicher, erweiterbar und verständlich ist.
Navigationsfähigkeit unter Unsicherheit: Nicht jeder KI-generierte Vorschlag kann mit derselben Intensität geprüft werden. Teams müssen daher risikobasiert entscheiden. Navigationsfähigkeit heißt, kritische Stellen früh zu erkennen, geeignete Prüfverfahren auszuwählen und Unsicherheit sichtbar zu machen.
Reflexions- und Entscheidungskompetenz: KI liefert schnell plausible Antworten. Gerade diese Plausibilität kann dazu verleiten, Vorschläge ungeprüft zu akzeptieren. Entwicklerinnen und Entwickler müssen deshalb unterscheiden können zwischen:
Diese Unterscheidung verlangt Erfahrung, Selbstreflexion und die Bereitschaft, einer scheinbar fertigen Lösung zu widersprechen.
Psychologische Resilienz und eine neue Teamkultur: Das Automatisierungs-Paradox betrifft auch das berufliche Selbstverständnis. Wer Qualität bisher vor allem mit selbst geschriebenem Code verbunden hat, kann den Rollenwechsel als Verlust erleben. Psychologische Resilienz darf deshalb nicht als private Aufgabe Einzelner verstanden werden. Teams benötigen klare Qualitätsstandards, nachvollziehbare Zuständigkeiten und einen offenen Umgang mit Unsicherheit.
Technisches Grundlagenwissen bleibt unverzichtbar. Wer Code nicht versteht, kann seine Qualität auch nicht zuverlässig beurteilen. Die reine Code-Erstellung reicht als Bildungsziel jedoch nicht mehr aus.
Lernende müssen künftig häufiger mit unvollständigen, mehrdeutigen und möglicherweise fehlerhaften Lösungen arbeiten. Statt nur eine vorgegebene Aufgabe korrekt umzusetzen, sollten sie lernen, Anforderungen zu hinterfragen, Risiken zu priorisieren, Architekturentscheidungen zu begründen und die Wirkung einer Lösung zu bewerten.
Für die Fachhochschule Dresden ist diese Entwicklung Teil einer größeren Frage: Welche Kompetenzen benötigen Absolventinnen und Absolventen in einer durch KI, Digitalisierung und ständigen Wandel geprägten Arbeitswelt? Beim Dies Academicus 2026 diskutierten Studierende, akademische Lehrkräfte und Praxispartner unter anderem über Future Skills, Prüfungen im KI-Zeitalter und die Beschäftigungsfähigkeit von morgen. Die Ergebnisse bilden die Grundlage für einen hochschulweiten Entwicklungsprozess zur Zukunft von Studium und Lehre.
Der Praxisbezug ist dabei entscheidend. Erfahrungen aus regionalen Unternehmen können sichtbar machen, welche Entscheidungen Entwicklerteams tatsächlich treffen müssen und wo neue Belastungen entstehen. Die Fachhochschule Dresden verbindet Forschung und Lehre ausdrücklich mit anwendungsorientiertem Wissenstransfer und den Herausforderungen des gesellschaftlichen und technologischen Wandels.
Prof. Dr. Marius Brade und Manja Unger-Büttner setzen auf der Brains on Silicon 2026 im Panel "Zwischen Output-Flut und Sinnsuche – Welche Skills Entwickler-Teams heute brauchen" (16:00-16:25 Uhr, Stage 3) an.
Das Publikum wird in die Diskussion einbezogen und kann über einen QR-Code eigene Beobachtungen, Herausforderungen und weitere „Puzzleteile“ beitragen. Die Ergebnisse sollen Impulse für neue Kompetenzprofile und eine gemeinsame Bildungsinitiative liefern.
Die Brains on Silicon 2026 findet am 14. und 15. September 2026 im Internationalen Congress Center Dresden statt. Die B2B-Konferenz für angewandte KI widmet sich unter dem Leitmotiv „Closing the implementation gap“ dem Übergang von der Erprobung zur praktischen Umsetzung.
Tickets gibt es unter https://brainsonsilicon.com/

Prof. Dr.-Ing. Marius Brade
Kontakt
Campus Straßburger Platz | Raum 503
Tel +49 351 44 45-409
m.brade@fh-dresden.eu